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Arbeit, die man "wirklich, wirklich will"

teaser_e-mail-newsletter_ana-campos_3«New Work» gehört in der Wirtschaft seit einigen Jahren zu den schillerndsten Buzzwords. Selten wird der Begriff aber so verstanden, wie er ursprünglich gemeint gewesen ist. Eine Reise nach Michigan in die frühen 80er.

Früchteteller und Smoothies in der unternehmenseigenen Küche? Kollaborative Sessions in Co-Creation-Spaces? Bunte Pinnwände voller Post-its? Check-in-Runden in Video-Calls? Die Assoziationen rund um «New Work» sind vielgestaltig. Recherchiert man, was Fachpublikationen darunter verstehen, findet man häufig Begriffe wie flache Hierarchien, Eigenverantwortung, remote Work und agile Arbeitsmethoden damit verknüpft.
Teilweise sind die Definitionsversuche auch recht abenteuerlich, wie der Glossar-Eintrag zu «New Work» des Zukunftsinstituts zeigt. Dieser ist mit Schlagworten wie «Womanomics», «Talentismus», «Flexicurity» oder «Slash-Slash-Biografien» gespickt.
Vor diesem babylonischen Wirrwarr fragt man sich zurecht: Was ist New Work denn nun genau? Um diese Frage zu beantworten, reise ich 40 Jahre in die Geschichte zurück, und zwar zu Frithjof Bergmann. Bergmann – heute 89 Jahre alt – ist ein österreichisch-amerikanischer Preisboxer und Philosoph. Er gilt als der eigentliche „Erfinder“ der „Neuen Arbeit“, oder eben „New Work“. Das Konzept dazu hat er Ende der 70er-Jahre in Michigan entwickelt, als er für den Automobilhersteller General Motors gearbeitet hat, und zwar als Unternehmensberater.

Sechs Monate Arbeit, sechs Monate Sinnsuche
Was war denn damals die Herausforderung? Genau wie heute schritt die industrielle Revolution rasant voran. So wurden auch die Fabriken von General Motors immer stärker von Maschinen und Computern erobert – gut die Hälfte aller Arbeiter waren kurz davor, ihren Job zu verlieren. Überfordert mit der Situation, bat General Motors Bergmann um Hilfe.
Dieser machte dem Management folgenden Vorschlag: Statt die Hälfte der Arbeiter zu entlassen, sollten alle bleiben, aber nur noch sechs Monate im Jahr arbeiten. In den anderen sechs Monaten sollten die Arbeiter herausfinden, was sie «wirklich, wirklich wollen». Dies sollten sie nicht planlos und in Eigenregie tun, sondern mit intensiver Unterstützung des Unternehmens und des Zentrums für Neue Arbeit, das Bergmann zusammen mit General Motors gegründet hatte. Das Zentrum sollte den Arbeitern auch helfen, dass sie mit ihrer Berufung Geld verdienen.
Bergmann wurde für seine Idee natürlich zuerst belächelt, aber er war erfolgreich: So bildete eine Gruppe von Arbeitern von General Motors eine kleine Manufaktur, die Metallbeschläge für Boote herstellte. Und eine andere Gruppe gründete eine Agentur, die Menschen im Ruhestand dabei unterstützte, auch im hohen Alter das zu finden, was sie «wirklich, wirklich tun» wollten. Das sind nur zwei exemplarische Initiativen unter Dutzenden.

Radikale Umkehr des Arbeitsverhältnisses
Im Laufe der Zeit hat Bergmann seine Idee der Neuen Arbeit ausgearbeitet und eine radikale Umkehr gefordert: Dass nicht wir der Arbeit dienen sollten, sondern die Arbeit uns. Dass sie uns Energie und Kraft geben sollte, vollständigere, lebendigere Menschen zu werden. Insofern geht Bergmanns ursprüngliche Idee der «Neuen Arbeit» viel weiter, als wir sie heute verstehen: So geht es nicht darum, Arbeit einfach angenehmer und «spassiger» zu machen – wie die eingangs genannten Assoziationen suggerieren und was Bergmann selbst «Lohnarbeit im Minirock» nennt –, sondern die Arbeit so zu gestalten, dass Menschen Freiraum gewinnen. Neue Technologien können uns in diesem Aspekt sehr unterstützen. Sie können uns in unseren Tätigkeiten entlasten oder ergänzen. Etwa durch Automatisierung, indem repetitive Aufgaben an Bots delegiert werden, oder durch Analytics, indem aus Daten Insights gewonnen werden.
Freiraum ist auch einer der zentralen Kulturwerte von Trivadis. Freiraum, diejenigen Skills einzusetzen, die nicht nur «nützlich» sind, sondern einem auch Freude bereiten. Freiraum, auch einmal etwas auszuprobieren, zu scheitern und daraus zu lernen. Wie dies bei uns konkret aussieht, hat die Neue Zürcher Zeitung vor kurzem in einem grossen Artikel gezeigt.

Schliessen möchte ich meine Überlegungen mit einem Zitat von Eleanor Roosevelt: «With freedom comes responsibility.» Es ist an uns, Freiraum nicht nur zu fördern und zu fordern, sondern ihn auch wirklich zu nutzen.

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