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Innovation und digitale Transformation: Nachgefragt bei Nigel Barlow

Am 15. September findet in Regensdorf bei Zürich unser 44. Trivadis TechEvent statt. Unter dem Motto „Passion meets Innovation“ versammeln sich hochkarätige Gastredner und IT-Experten zu einem der grössten IT-Events im deutschsprachigen Raum. Erwartet werden über 500 IT-Experten. Für die Keynote konnten wir den renommierten britischen Innovationsforscher und Buchautor Nigel Barlow gewinnen. Wie denkt er über die Themen Innovation sowie digitale Transformation, und warum es lohnt sich, der Technologie ein „menschliches Gesicht“ zu verpassen? Wir haben nachgefragt:

nigel_barlow.jpgHerr Barlow, eines der vorherrschenden Themen Ihrer Arbeit ist die Innovation an sich und wie sich Kreativität im Unternehmen fördern lässt. Hat sich am Geiste der Innovation bzw. dem ihm zugrundeliegenden kreativen Prozess in den vergangenen Jahren etwas verändert?

Bildquelle: Nigel Barlow

Nigel Barlow: Ja, unbedingt! Innovation ist heute fast untrennbar mit Technologie verbunden. Man braucht sich dafür ja nur einmal ansehen, wen Leute heute in erster Linie als „Disruptoren“ oder „Innovatoren“ bezeichnen. Sofort fallen dann Firmennamen wie Facebook, Apple, Uber, Google und Co. Aber generell erfinden sich heute viele Unternehmen auf ganz eigene Weise neu. Ebenso viele – und das ist leider auch traurige Realität – sterben dagegen einen ganz eigenen Tod. Andere Marktteilnehmer haben damit erst einmal nichts zu tun. Firmen sollten sich deshalb nicht so sehr an den Grossen orientieren, sondern vielmehr ihren eigenen Weg in die Zukunft suchen. Imitation hat sicher manchmal seine Berechtigung, schlussendlich muss aber jeder sein Glück in die eigene Hand nehmen. 1:1-Kopien hemmen die Innovation mehr, als dass sie ihr nutzen; ausbleibende Erfolge führen dann schnell zu Verfolgungswahn und Handlungsunfähigkeit. Tatsächlich nehmen es sich nur die wenigsten Wegbereiter von Neuem bewusst vor, den bestehenden Status-Quo in ihrem Markt, in ihrer Branche umzuwerfen. Sie sind vielmehr getrieben vom Willen, Dinge besser oder anders zu machen, die „Disruption“ kommt dann meist von ganz alleine.

Auch die digitale Transformation beschäftigt Sie sehr. Bleibt in einem datengetriebenen, informationshörigen Zeitalter überhaupt Raum für Kreativität?

Nigel Barlow: Sie haben vollkommen recht, die „digitale Transformation“ ist das Schlagwort unserer Zeit. Um sie aber richtig einordnen zu können, hilft es, sich einmal die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Technologie“ vor Augen zu führen. Techne stammt aus dem Griechischen und bedeutet Kunst, Handwerk, Können oder auch Einfallsreichtum. Wenn also wirklich das Zeitalter der smarten, schlauen Maschinen angebrochen ist, muss es eben auch das Zeitalter der noch schlaueren Menschen sein. Digital ist heute vielleicht das neue normal, wir  sind aber trotzdem mehr als blosse Einsen und Nullen auf einem Reissbrett. Die Kreativität der Menschen ist im digitalen Zeitalter wertvoller denn je!

Sie fordern ein „menschliches Gesicht“ für Technologie. Was meinen Sie damit?

man-845847_1920.jpgBildquelle: Comfreak auf Pixaby

Nigel Barlow: Humor ist eine Möglichkeit, der Technologie ein menschliches Gesicht zu geben. Ein Beispiel: Auf einer Banking-Website erscheint unvermittelt ein riesiger Knopf mit der Aufschrift „Auf zu meiner Gelddruckmaschine“. So etwas liebe ich! Aber Spass beiseite. Ich glaube, was Anwender sich vor allem vom System- und Prozessdesign wünschen, sind Flexibilität, Komfort, eine einfache Bedienbarkeit und – das ist besonders wichtig – die Möglichkeit, mit einem echten Menschen zu sprechen, sofern gewünscht. Das ist alles kein Hexenwerk, wird aber trotzdem viel zu oft ignoriert.

Sie sind ein grosser Anhänger des „Garage Thinking“, der Idee also, dass vor allem eine Kultur des Experimentierens, Team Work und Risikofreude, die so viele heutige Weltkonzerne in ihrer Gründungsphase ausgezeichnet hat, Innovation befördert. Heisst das im Umkehrschluss nicht, dass in grossen etablierten Organisationen Innovationen kaum Chancen haben?

Nigel Barlow: Garage Innovation ist eine Thematik, die ich auch in sehr grosse Unternehmen einbringe. Denn gerade dort kann Silo-Denken Innovation ungemein behindern. Es ist durchaus möglich, diese „Garagendenke“ in Unternehmen jeder Grösse zu etablieren. Man muss es nur schaffen, Werkzeuge, wie Möglichkeitsdenken und Experimentierfreude, in der Unternehmens-DNA zu etablieren und diese auch wirklich ins Tagesgeschäft zu integrieren. Insbesondere grosse Unternehmen profitieren ungemein von diesem Ansatz, denn sind wir mal ehrlich: Welche bahnbrechende Idee stammt schon aus einem Cubical? Es ist natürlich eher eine Geisteshaltung als ein Raumkonzept, allerdings ist einer meiner Kunden von der Idee tatsächlich so begeistert, dass er auf einem Stockwerk seines Unternehmenssitzes jetzt eine echte Garage als Innovationszentrum einrichten lässt. Auch Microsoft baut Garagen-Räume auf der ganzen Welt, um die Kreativität der Mitarbeiter anzustossen.

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Immer mehr junge Berufseinsteiger und Arbeitnehmer wünschen sich neue, flexible Arten der Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung, Home-Office-Arrangements, oder auch BYOD-Modelle. Wie können und inwieweit sollten Unternehmen diesen Wünschen heute entsprechen?

Nigel Barlow: Ja, Millenials, also die Generation der heute 18- bis 37-Jährigen, erwarten tatsächlich mehr Selbstbestimmung, flexiblere Arbeitszeiten, die Möglichkeit, sich ein Arbeitsumfeld nach eigenen Wünschen zu schaffen, egal ob zu Hause oder im Café um die Ecke. Mobilität ist ja auch ein ganz wichtiger Aspekt heutzutage. Ich glaube, dass Unternehmen solchen Konzepten viel offener gegenüberstehen müssen – das klassische, farblose und triste Büro ist schlicht und ergreifend kein fruchtbarer Boden für Innovation. Aber natürlich ist es auch sinnvoll, im beruflichen Alltag Zeit im Team zu verbringen, einerseits, um sich zugehörig zu fühlen, sich mit dem eigenen Arbeitgeber zu identifizieren und andererseits, um gemeinsam Ideen auf den Weg zu bringen. Also ein klares Bekenntnis für mehr Heimarbeit, aber ein ebenso klares Bekenntnis für mehr Co-Working-Spaces zur Förderung des kreativen Austauschs.

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Topics: Nachgefragt Events Digital Business Transformation Innovation