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«Was ich meinem 12-jährigen Selbst raten würde? Manche Dinge nicht immer so ernst zu nehmen»

Nach dem KI-Forscher Pascal Kaufmann hat unsere Co-CEO Ana Campos diesen Monat Marianne Janik, Chefin von Microsoft Schweiz, getroffen. Entstanden ist ein sehr persönliches Interview – über die Einsamkeit an der Spitze, die Physikerin Marie Curie und die Neugier als grosse Antriebsfeder.

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Ana Campos: Du bist nun seit fünf Jahren Country Manager von Microsoft Schweiz. Was ist dein Fazit? Auf was bist du stolz?

Marianne Janik: Es macht mich stolz, dass ich mit meinem Team aus 40 verschiedenen Nationen für die Schweiz seit fünf Jahren Wert schöpfen und schaffen kann. Entsprechend lautet auch die Mission von Microsoft: «To empower every person and every organization on the planet to achieve more.»
In den letzten Jahren haben wir vor allem drei Themen vorangetrieben: Innovation, Education und Security. Zum ersten Thema gehört, dass wir einen Beitrag an die hohe Innovationskraft der Schweiz leisten. Dazu zählen die Investitionen in unsere Schweizer Rechenzentren genauso wie unsere Forschungskooperationen. Beim zweiten Thema unterstützen wir mit Technologie das Lehren und Lernen – gerade jetzt ja sehr wichtig. Beim dritten Thema beschäftigen wir uns stark auch mit ethischen Fragen rund um Technologie.

Ana Campos: Was hättest du im Nachhinein anders gemacht?

Marianne Janik: Rückblickend würde ich gewisse Themen vielleicht etwas schneller vorantreiben. Dazu gehört auch, die Swissness als Markenkern der Schweiz schneller wieder zu mobilisieren. Sie war uns eine Zeit lang abhandengekommen, trotz unserer 30-jährigen Geschichte in der Schweiz.

Ana Campos: Wie ist es dir konkret gelungen, Swissness wieder reinzubringen?

Marianne Janik: Mit den genannten drei Themen funktioniert das gut, denn sie sind ja auch sehr stark in der Schweiz verankert. Sie dienen in einem gewissen Sinn also als Anker und übersetzen sowie konkretisieren die Swissness.

Ana Campos: An der Spitze eines Unternehmens ist es manchmal sehr einsam. Wie gehst du damit um?

Marianne Janik: Ich fühle mich nicht einsam. Ich kann alle Entscheidungen mit meinem Team oder weiteren Gremien vorbereiten und besprechen. Dadurch fühle ich mich gut unterstützt und auch gefordert. Natürlich muss man bei manchen unangenehmen Entscheidungen mutig sein, um Klarheit zu schaffen. Das kann einem niemand abnehmen.

Ana Campos: Du hast eine beeindruckende Karriere mit Stationen in verschiedenen Ländern gemacht und scheinst immer noch voller Tatendrang. Was treibt dich an?

Marianne Janik: Das frage ich mich manchmal auch. (lacht) Ich bin grundsätzlich sehr neugierig. Ich habe mir auch vorgenommen, mindestens 1-2 Mal pro Tag bewusst aus der Komfortzone rauszugehen. Das heisst, Situationen zu suchen, in denen ich etwas tun muss, was mir nicht so leichtfällt. Für mich ist das wie ein Schwungrad, das mich dazu bringt, mich weiterzuentwickeln. Es macht mir sehr viel Freude und gibt mir Energie, jeden Tag etwas Neues zu entdecken.

Ana Campos: Was ist dein grösster Erfolg und was dein grösster Fehler oder besser dein grösstes Learning?

Marianne Janik: Es fällt mir schwer, etwas zu finden, bei dem ich sagen würde: Das war absolut einzigartig. Für mich ist Erfolg, wenn ich spüre, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Dies bedeutet auch, dass viele Dinge, die ich gemacht habe, heute noch da sind – und dass Menschen, die mich ein Stück weit begleitet haben, sich weiterentwickeln. Das Gleiche gilt für Misserfolge. Ich habe jeden Tag kleine Misserfolge und mache Fehler. Ich versuche, die Fehler nicht nochmals zu machen. Gerade, wenn man aber massiv gefordert ist, tappt man hin und wieder in eine Fehlerfalle.

Ana Campos: Wie gelingt es dir, «Fehler» zu sehen und Learnings daraus abzuleiten?

Marianne Janik: Ich schaue mir jeden Morgen an, wie die Lage ist und wie ich dazu stehe. Morgens zwischen 7-9 Uhr ist mein Kalender jeweils etwas flexibler, sodass ich Zeit dafür habe. Diese Reflektionen mache ich entweder allein oder mit einzelnen Personen zusammen. Im Moment tue ich dies recht intensiv, da sich schon einiges rauskristallisiert, was in der Organisation noch zu machen ist. Ich überlege dann aber genauso: Wie mache ich das? Wie «scharf» stelle ich in manchen Situationen? Man kann eine Organisation auch überfordern, indem man einfach zu viel sieht.

Ana Campos: Was würdest du deinem 12-jährigen Selbst raten?

Marianne Janik: Ein bisschen geduldiger zu sein. Manche Dinge nicht immer so ernst zu nehmen. Mehr Vertrauen zu haben, dass die Dinge schon zueinanderkommen.

Ana Campos: Welche Erfindung ist für dich persönlich die wichtigste?

Marianne Janik: Mich beeindruckt eher der Fortschritt als eine einzelne Erfindung. Ich bin fasziniert davon, wie die Dinge aufeinander aufbauen – und wie sich damit natürlich auch die Gesellschaft verändert.

Ana Campos: Wer ist für dich die beeindruckendste Pionierin, wenn du in die Geschichte zurückblickst? Warum?

Marianne Janik: Ich habe extremen Respekt vor der Physikerin Marie Curie. Sie war für ihre Zeit unglaublich vielseitig und hat ja auch übergreifend gearbeitet, nicht nur in mehreren Wissenschaftsbereichen. Am Ende beruht ja auch die IT auf Physik.

Ana Campos: Als was für eine Person möchtest du bei deinen Mitarbeitenden, Kunden und Partnern im Gedächtnis bleiben?

Marianne Janik: Als authentische Person.

Ana Campos: Was möchtest du bei Microsoft Schweiz noch bewegen?

Marianne Janik: Wir können gerade bei unseren drei Ankerthemen noch viel tun, um die Schweiz weiterzubringen und die Menschen zu befähigen. Auch möchten wir Unternehmen branchenübergreifend noch stärker zusammenzubringen und Ökosysteme schaffen. Dazu gehört, dass wir Startups und kleinere Unternehmen mit grösseren Unternehmen vernetzen – und ihnen, im Huckepack quasi, helfen, schnell neue Märkte zu erschliessen.

Ana Campos: Mit wem würdest du gerne Mittagessen gehen?

Marianne Janik: Mit Winston Churchill – eine faszinierende Persönlichkeit. In Bezug auf die heutige Zeit fällt mir niemand ein, bei dem ich unbedingt zum Groupie werden muss.

Ana Campos: Was ist dein Rat für Unternehmen, die auf den Digital Workplace umsteigen wollen?

Marianne Janik: Die kulturellen Aspekte nicht zu vernachlässigen. Gerade im Moment sehe ich viele Beispiele, bei denen ein Digital Workplace im Hauruck-Verfahren eingeführt wird. Nach dem Motto: Passt schon. Dabei geht aber sehr viel verloren. Wichtig ist, die Unternehmenskultur in so einen Change miteinzubeziehen, sich also zu fragen: Wie können wir unsere Unternehmenskultur weiterentwickeln, dass Menschen sich wohlfühlen und gut arbeiten können, auch in der neuen digitalen Welt?
Dazu gehört auch, Ängste wahrzunehmen und einzufangen. Gerade in der jetzigen Situation gibt es genügend davon. So sind viele verunsichert, wenn im Homeoffice im Hintergrund mal ein Hund bellt oder ein Kind schreit. Wie gehen wir als Unternehmen damit um? Wie können wir Mitarbeitenden den Stress nehmen? All dies sind kulturelle Fragen. Wichtig ist, solche Dinge anzusprechen und dann auch zu tolerieren – und sie mit einer Prise Humor zu nehmen.

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Ana Campos: Wie geht ihr konkret mit solchen Situationen um?

Marianne Janik: Wir haben das Glück, dass wir bei Microsoft jahrzehntelange Erfahrung mit Remote-Arbeit haben. Aber es gibt trotzdem noch Kleinigkeiten, die wir verbessern können. Zum Beispiel die Selbstverantwortung weiter zu stärken und gewisse Regeln zu berücksichtigen – wie etwa auf Mute zu schalten, damit andere die Geräusche nicht mitbekommen. Wichtig ist, Rücksicht aufeinander zu nehmen, viel stärker zuzuhören und präziser zu sein.

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Ana Campos: Wie gehst du persönlich mit der Situation um, wenn du im Homeoffice arbeitest und nicht allein bist?

Marianne Janik: Wenn vier Leute gleichzeitig Home-Learning und Video-Konferenzen machen, funktioniert es nicht immer reibungslos. (lacht) Ich muss mir immer wieder bewusst werden: Wie organisiere ich jetzt den Call? Wie stark stelle ich mich auf mute? Wann deaktiviere ich die Kamera, etwa zugunsten der Verbindung? Man muss sich gut auf die Calls vorbereiten.

Ana Campos: Wie läuft die Planung in der Familie ab? Habt ihr bestimmte Zeiten, in denen sich jeder zurückzieht, lernt, arbeitet, und dann kommt ihr zusammen zu den Pausen?

Marianne Janik: Genau. Mittagspause und Abendessen sind unsere gemeinsamen Zeiten. Ich bin in der glücklichen Lage, dass das Arbeiten im Homeoffice für meine Kinder nichts Neues ist – sie haben dies schon von klein auf mitbekommen. Sie sind auch schon gross. Insofern sind wir gut unterwegs – abgesehen von der Bandbreite, die natürlich gerade jetzt ab und an in Mitleidenschaft gezogen wird. (lacht)

Weiterführende Informationen

Topics: Nachgefragt Microsoft Interview DWP