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Die Entzauberung der Technologie

teaser_e-mail-newsletter_ana-campos_3Von "Intelligent Composable Business" über "Total Experience" bis "DEI Tech"- das Kaleidoskop der Trends 2021 könnte auch heuer nicht bunter sein. Dabei geht vergessen, was eigentlich am wichtigsten ist.  

Je mehr Kerzen brennen, desto tiefer schauen Futuristen, ThinkTanks und Experten in ihre Glaskugeln. So liefert allein das Stichwort «Tech-Trends 2021» mittlerweile über 45'000 passgenaue Treffer auf Google, dem wichtigsten Orakel unserer Zeit. Überfliegt man einige davon, fühlt man sich fast ein wenig in die Kindheit zurückversetzt, als man beherzt, aber im Grunde planlos an der Schneekugel herumrüttelte – in der Hoffnung, dadurch irgendein rastloses Bedürfnis stillen zu können.

Während auf Gartner etwa vom «Internet of Behaviours», «Intelligent Composable Business» und «Total Experience» die Rede ist, spricht Deloitte von «MLOps», «DEI Tech» und «Supply Unchained». In deutschsprachigen Quellen mutmasst man, dass «die Stunde der Cloud geschlagen» habe, dass 2021 «das Jahr der Kunden» sei oder ganz einfach: dass im neuen Jahr «alles anders» werde.

Während einige der Prognosen wenig überraschend ausfallen, sind andere Science Fiction – d. h. von den realen Herausforderungen unserer Gesellschaft und vieler Unternehmen, besonders KMUs, weit entfernt. Denn diese stehen oftmals noch ganz am Anfang – wenn es etwa darum geht, Daten systematisch zu erschliessen, geschweige denn gewinnbringend zu nutzen.

Was nachdenklich stimmt, ist aber etwas ganz anderes: die Vehemenz, mit der wir jedes Jahr aufs Neue Neologismen nachjagen – und den Diskurs auch heuer abkoppeln von dem, was wirklich zählt: dem Menschen. So wird Technologie als über- und eigenmächtiger Deus ex machina präsentiert, der uns dereinst erlösen wird. Wenn nicht 2021, dann eben später.

Verstehen wir uns richtig: Dass Technologie einen hohen Stellenwert hat, ist wichtig und richtig – insbesondere in ihrer Funktion, uns Menschen zu unterstützen, zu entlasten und zu ergänzen. So macht es die Cloud z. B. möglich, dass wir über jegliche Grenzen hinweg zusammenarbeiten können. Künstliche Intelligenz hilft uns, Muster in grossen Datenmengen zu erkennen, die wir selbst nicht entdecken würden. Und IoT ermöglicht, Energie effizienter einzusetzen.

Klar ist auch: Technologie wird, nicht zuletzt aufgrund aktueller Entwicklungen, immer mehr Raum einnehmen, und das hat entsprechende Implikationen.

Dennoch ist und bleibt das Menschliche, und ja: auch das allzu Menschliche, entscheidend – gerade jetzt, wo so viele Aspekte unseres (Er-)Lebens in Source-Codes und Displays gepresst werden. Dazu gehört das Herzliche, Leidenschaftliche und Kreative genauso wie das Wütende, Irrationale, Ratlose. Die Worte zwischen den Zeilen, die Umarmung vom Frühling und der Witz am Montagmorgen.

Dazu gehört auch, manchmal eben genau nicht mehr weiter zu wissen – und genau dadurch neue Wege anzustossen. Und dazu gehört, dass wir uns gut überlegen, welchen Sinn wir Technologie geben wollen. Denn Technologie hat keinen Selbstzweck – es ist an uns, zu bestimmen, wie wir sie einsetzen wollen.

Entgegen aller Terminator-Dystopien: All diese menschlichen Qualitäten werden niemals digitalisiert werden können, wie dies etwa von Tech-Auguren wie Ray Kurzweil prophezeit wird. Ein kurzer Reality Check hilft, derartige Ängste abzubauen. So braucht künstliche Intelligenz immer noch hunderttausende von Bildern, um eine Katze von einer Kuh unterscheiden zu können.

Statt in ephemeren Elfenbeintürmen nach erlösenden Antworten zu suchen, tun wir deshalb gut daran, einen Schritt zurück zu machen und dem Menschlichen wieder mehr Raum zu geben. Einige Grundfragen zu beantworten, bevor wir uns der Technologie zuwenden und prüfen, welche davon uns effektiv helfen kann.

Für Unternehmen können dies folgende Fragen sein:

  1. Was für ein Menschenverständnis wollen wir leben?
  2. In Abgrenzung dazu: Welche Rolle wollen wir Technologie zugestehen? Und welche explizit nicht?
  3. Wie gehen wir mit Unsicherheit und Wandel um, auf allen Unternehmensebenen? Wie können wir den Umgang damit einfacher gestalten?
  4. Wie gelingt es uns als Organisation, agiler zu werden? Um bei der nächsten Umwälzung stärker zu sein?
  5. Wie schaffen wir es, Ängste rund um künstliche Intelligenz und Daten einzufangen und abzubauen?
  6. Welche Skills braucht es im Umgang mit neuen Technologien? Wie können wir diese fördern?

Vielleicht braucht es auch ein neues Verhältnis zu Kunden und Partnern, gerade jetzt, wo kein Stein auf dem anderen bleibt – und damit gegenseitig mehr Unterstützung und Ergänzung.

In der Beantwortung dieser Fragen liegt denn auch die ganze Mystik begraben – lange vor dem Einsatz von Technologie.

Unternehmen, die sich rechtzeitig auf die Suche nach möglichen Antworten machen, werden diejenigen sein, die auch die nächste «Normalität» (üb-)erleben – egal, welche technologischen Nebelpetarden dereinst gezündet werden. 
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